Mila | Luna
Wie geht es euch Leute? Mir geht es nicht so gut. Ich bin völlig ausgepumpt. Die Schule, die Bühne, der Stress zuhause.... Ich und geb mein Bestes, aber das reicht oft nicht. Aber eins nach dem anderen. Ich erzähl euch erst mal, was bei mir los ist und dass ich eigentlich ständig eine Rolle spiele. Warum?
Weil ich ein normales Leben führen will, obwohl ich inzwischen ein absolut bekannter Popstar mit meiner Musik bin. Die Fans lieben mich. Klar, ich liebe meine Fans auch. Aber manchmal wird mir alles zuviel.
STECKBRIEF
Mein Name: Mila Berger.
Ganz normale Zehntklässlerin am Goethe-Gymnasium
Klassenbeste in Kunst, eine Niete in Sport und gefürchtet
bei den Mathe-Hausaufgaben.
Kapitelübersicht
Steig ein in mein Leben und wähle ein Kapitel aus, um mich Mila | Luna kennenzulernen.
Kapitel 1
Zwischen Berlin-Mitte und dem Scheinwerferlicht
Der Wecker klingelte um sechs Uhr morgens, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als ihn aus dem Fenster zu werfen. Berlin im November war grau, nass und unerbittlich, genau wie mein Schlafmangel. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf, aber das brachte nichts. Mein Vater hatte bereits unten in der Küche den Kaffee aufgesetzt – man roch den Duft bis hier herauf – und mein Bruder Leon übte mal wieder lautstark seine neuesten Bass-Riffs.
„Mila! Aufstehen! In zehn Minuten ist Abfahrt!“, rief mein Vater aus dem Erdgeschoss.
Ich stöhnte, rollte mich aus dem Bett und betrachtete mich kurz im Spiegel. Zerzauste Haare, ein viel zu großes T-Shirt, dunkle Augenringe. Mila Berger, ganz normale Zehntklässlerin am Goethe-Gymnasium, Klassenbeste in Kunst, eine Niete in Sport und gefürchtet bei den Mathe-Hausaufgaben. Das war mein Gesicht für die Welt. Ein Gesicht, das niemand auf der Straße anhalten würde.
Nach dem Frühstück, bei dem mein Vater wieder einmal versuchte, mir gesundes Müsli schmackhaft zu machen, schnappte ich mir meinen Rucksack. Wir stiegen in unseren alten VW-Bus. Mein Vater ist mein Manager, mein Chauffeur und mein größter Kritiker in einem – eine Kombination, die manchmal mehr als anstrengend war.
„Du hast heute Mathe-Test, oder?“, fragte er und blickte in den Rückspiegel.
„Ja, Papa. Und nein, ich habe nicht gelernt. Weil ich bis zwei Uhr nachts im Studio war.“
Er seufzte. „Ich weiß. Aber wir haben den Plattenvertrag, Mila. Wir müssen liefern.“
Als wir vor dem Gymnasium hielten, strich ich mir meine braunen Haare glatt. Ich atmete tief durch. Das war der Moment, in dem die Maske aufgesetzt wurde – die unsichtbare, wohlgemerkt. In der Schule wusste niemand, dass ich am Freitagabend die Arena in Hamburg ausverkauft hatte. Niemand wusste, dass sie alle meine Songs auf Spotify rauf und runter hörten. Für meine Mitschüler war ich einfach nur die „stille Mila“, die manchmal etwas abwesend wirkte.
Ich stieg aus dem Bus, zog die Kapuze meines Hoodies tief ins Gesicht und ging auf das Schulgelände. Ein paar meiner Mitschüler standen in Grüppchen zusammen. Lukas, der Typ, in den ich heimlich seit Monaten verknallt war, lehnte am Fahrradständer. Er warf mir ein kurzes Nicken zu. Ein ganz normales, banales Leben.
Doch während ich auf den Haupteingang zulief, vibrierte mein Handy in der Tasche. Eine Nachricht von meinem Produzenten: „Das neue Demo ist fertig. Wir brauchen dich heute Abend für die Vocals. 19 Uhr, Studio Kreuzberg. Sei pünktlich, ‚Luna‘.“
Luna. Mein Künstlername. Mein zweites Ich.
Ich tippte eine knappe Antwort, während ich die Tür des Schulgebäudes aufdrückte. Die Klinke fühlte sich kalt an. Ich wusste, dass ich heute Abend wieder in die glitzernde, laute Welt von Luna eintauchen würde. Ich würde das Make-up auftragen, die hellblonde Perücke aufsetzen und die Massen zum Kreischen bringen.
Aber für jetzt, für die nächsten sieben Stunden, war ich nur Mila. Und ich musste dringend hoffen, dass ich bei diesem Mathe-Test irgendwie durchkam, ohne dass jemand merkte, dass meine Gedanken eigentlich ganz woanders waren.
Ein weiteres Mal klingelte mein Handy. Diesmal eine Push-Benachrichtigung: „Luna stürmt die Charts! Die neue Single auf Platz 1.“
Ich steckte das Handy weg, schloss die Schultür hinter mir und lächelte in mich hinein. Das Doppelleben hatte begonnen. Die erste Stunde war Bio. Herr Krüger dozierte über die Photosynthese, aber mein Kopf war komplett woanders. Unter dem Tisch hatte ich mein Smartphone in den Schoß gelegt. Mein Daumen tanzte routiniert über das Display – eine lebenswichtige Fähigkeit, die ich mir in den letzten zwei Jahren hart erarbeitet hatte.
Ich öffnete zuerst mein geschäftliches Postfach. Die E-Mail-Flut war unaufhörlich. Eine Anfrage für einen Auftritt bei einem Festival in Zürich, die Korrektur der Master-Aufnahme meines neuen Albums durch meinen Produzenten, und eine Einladung zur Fashion Week. Ich markierte die unwichtigen Dinge als gelesen und antwortete mit kurzen, präzisen Sprachnachrichten, die ich flüsternd unter der Tischkante aufnahm. „Ja, passt. Nein, der Bass muss bei der Bridge tiefer. Schickt mir das Budget-Sheet bis morgen.“ Ich war effizient. Ich war professionell. Ich war Luna.
Dann die Fanpost. Die App war ein separates Tool, das nur ich und mein Management hatten. Tausende Nachrichten jeden Tag. Ich scrollte durch. Die meisten waren süß – Mädchen, die ihre Outfits an Luna anpassten, Jungs, die meine Texte als Liebesbeweise an ihre Schwärme schickten. Ich pickte mir eine Nachricht heraus, eine ausführliche Mail von einer Zwölfjährigen aus Cottbus, die schrieb, dass meine Musik ihr durch eine schwere Zeit geholfen hatte. Ich lächelte kurz, ein echtes Lächeln, und tippte eine persönliche Antwort. Das war der Teil, den ich nicht an mein PR-Team delegieren wollte.
Dann der Blick auf die App meiner Bank. Ich gab meinen Fingerabdruck ein, und die Zahlen erschienen auf dem Display. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, auch wenn ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. Die Summe hatte sich seit letztem Monat schon wieder um einen beachtlichen Betrag erhöht. Der Erfolg meiner letzten Single hatte sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Es war surreal. Da saß ich, in einer stickigen Bio-Klasse, roch den leicht muffigen Geruch der alten Laborkittel, und auf meinem Konto lag ein Betrag, für den meine Eltern wahrscheinlich zehn Jahre hätten arbeiten müssen.
„Mila? Könntest du uns bitte den Prozess der Zellatmung erläutern?“
Herr Krügers Stimme riss mich aus meiner digitalen Welt. Ich schreckte hoch, das Handy blitzschnell im Ärmel verschwinden lassend. „Äh… die Zellatmung?“, stammelte ich. Mein Gehirn, das gerade noch komplexe Marketing-Strategien und Lizenzverträge analysiert hatte, fühlte sich plötzlich leer an, wenn es um biologische Fachbegriffe ging. Ich hatte keine Ahnung.
„Vielleicht beim nächsten Mal besser konzentrieren, statt unter dem Tisch zu spielen“, brummte er.
Ich lief rot an, starrte auf mein Bio-Buch und seufzte. Ich konnte die sozialen Netzwerke von “Luna” in fünf Minuten von einem Skandal bereinigen, eine virale Kampagne mit drei Klicks starten und meine Finanzen im Schlaf optimieren – aber die Zellatmung? Die war für mich genauso ein Rätsel wie die Frage, wie ich jemals ein normales Abi schaffen sollte, ohne dass jemand mein Doppelleben auffliegen ließ.
Ich schob mein Handy noch tiefer in den Hoodie und versuchte, so auszusehen, als würde ich konzentriert die Diagramme im Buch studieren. Draußen vor dem Fenster zog der Novembernebel über den Schulhof, und ich fragte mich, ob ich mich jemals an diesen krassen Kontrast gewöhnen würde. Einerseits das Mädchen, das nicht mal wusste, was ATP war, und andererseits der Popstar, der die Regeln der Industrie diktierte. Ein echtes Luxusproblem, sicher – aber in diesem Moment hätte ich alles für ein bisschen mehr Mathe-Verständnis gegeben.
Kapitel 2
Die Kunst des unsichtbaren Popstars
Herr Krüger, der Biologielehrer am Goethe-Gymnasium, hatte diese spezielle Art von Begeisterung, die nur Menschen besaßen, die ihr ganzes Leben den Vorgängen in einer Zelle gewidmet hatten. Er schwenkte einen Zeigestock, als wäre er ein Zauberstab, und beschwor die Geheimnisse der Zellatmung herauf.
„Frau Berger? Vielleicht können Sie uns erklären, warum die Glykolyse für den Organismus so essenziell ist?“, fragte er und blickte über den Rand seiner Brille.
Mila zuckte zusammen. In ihrer linken Hand, versteckt unter dem Tisch, flackerte das Display ihres Smartphones. Eine E-Mail von ihrem Label-Manager – ihrem Vater – blinkte auf: „Luna, das Label will das Musikvideo für ‚Berlin Nights‘ jetzt doch in einem stillgelegten U-Bahn-Schacht drehen. Brauchen deine Zusage bis 14 Uhr.“
Mit dem Daumen tippte sie unter den Tisch: „Ok, Papa. Aber wehe, es ist da unten zu kalt für das Glitzer-Outfit.“ Sie sah auf. Herr Krüger starrte sie erwartungsvoll an.
„Äh… Glykolyse“, stammelte sie und versuchte angestrengt, die Verbindung zwischen ATP-Gewinnung und dem Musikvideo-Dreh herzustellen. „Sie ist… nun ja, sie ist wie ein technischer Rider für ein Konzert. Ohne die Vorbereitungen bricht der ganze Betrieb zusammen, Herr Krüger.“
Die Klasse prustete los. Herr Krüger seufzte. „Ein interessanter Vergleich, Mila. Aber vielleicht konzentrierst du dich weniger auf Technik und mehr auf das Cytoplasma.“
Mila spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Das war das Problem. Ihr Kopf steckte in zwei Welten gleichzeitig fest, und manchmal flossen die Welten ineinander über.
Warum das Versteckspiel? Viele fragten sich (wenn sie Mila überhaupt beachteten), warum sie diesen Stress auf sich nahm. Warum nicht einfach offen „Luna“ sein? Warum nicht die Schule schmeißen, den Glamour genießen und in einer Penthouse-Wohnung in Charlottenburg Champagner trinken (oder zumindest Cola aus Weingläsern)?
Die Antwort war simpel, aber für die Öffentlichkeit kaum nachvollziehbar: Normale Momente. Mila liebte es, in der U-Bahn zu sitzen, ohne dass jemand sie nach einem Selfie fragte. Sie liebte das Gefühl, bei einer Mathearbeit einfach nur „schlecht“ zu sein, anstatt dass die Bild-Zeitung titelte: „Pop-Sensation Mila versagt beim Dreisatz – Ist ihre Karriere am Ende?“
Ihr Star-Dasein war ein hochglanzpoliertes Produkt, ein perfekt choreografiertes Konstrukt aus Licht, Make-up und Autotune-Effekten. Ihr Schulleben hingegen war das einzige, was sich echt anfühlte. Wenn sie das Geheimnis preisgeben würde, wäre dieser kleine, geschützte Raum verloren. Sie würde nie wieder einfach nur Mila sein dürfen, die Mädels aus der 10b würde nicht mehr über Jungs lästern, sondern über ihre Designer-Handtaschen. Sie wäre keine Mitschülerin mehr, sondern ein Objekt.
Kapitel 3
Das Luna-Paradoxon am Goethe-Gymnasium
Das Goethe-Gymnasium war kaum wiederzuerkennen. Die altehrwürdige Turnhalle, in der normalerweise die Bänke klebten und es nach verschwitzten Hallenschuhen roch, war in ein Neon-Lichtermeer verwandelt worden. Überall hingen Banner: „Luna Live – Exklusive Schultour!“ Es war eine PR-Aktion, die ihr Vater eingefädelt hatte, um Luna „näher an die Basis“ zu bringen. Dass diese Basis ausgerechnet ihre eigene Schule sein musste, war der absolute Albtraum.
In der Mitte der Halle drängten sich die Schüler. Die Stimmung war elektrisch, eine Mischung aus purer Euphorie und dem ungläubigen Staunen, dass ein Weltstar wie Luna tatsächlich in ihrer öden Aula auftreten würde.
Lara stand in der zweiten Reihe, ihre Augen huschten nervös durch die Menge. „Mila? Wo steckst du denn?“, murmelte sie und hielt ihr Handy ans Ohr. Die Mailbox ging dran. „Mila, ernsthaft! Gleich geht’s los! Wenn du die erste Nummer verpasst, weil du irgendwo im Sekretariat feststeckst, drehe ich durch!“
Lara legte auf und tippte frustriert: „Sag mir, dass du noch lebst. Das Licht geht aus!!“ Nur fünfzehn Meter entfernt, hinter einem provisorischen Vorhang aus schwarzem Molton, zitterte Mila am ganzen Körper. Aber nicht vor Kälte.
„Beruhig dich, Luna“, zischte ihr Vater und rückte ihr das Headset zurecht. „Du hast die blonde Perücke fest, die Sonnenbrille sitzt. Keiner wird dich erkennen. Du bist Luna. Du bist eine Naturgewalt. Du bist nicht Mila, das Mädchen, das in Bio bei der Zellatmung versagt.“
„Papa, das ist der Wahnsinn“, flüsterte Mila. Ihr Handy in der Tasche ihres Bühnen-Outfits vibrierte ununterbrochen. Bzzzz. Bzzzz. Das war Lara. „Wenn Lara mich hier sieht… oder wenn jemand mein Handy klingeln hört und es ist ‚Mila Berger‘ auf dem Display…“
„Dann schaltest du es jetzt aus!“, befahl ihr Vater und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Das ist deine Show. Geh da raus.“
Das Licht in der Halle erlosch schlagartig. Ein ohrenbetäubender Schrei, wie man ihn nur von tausend Teenagern kannte, hallte durch die Halle. Die Bässe setzten ein, ein Beat, den Mila selbst mit produziert hatte. Es war ihr Moment.
Mila schluckte schwer. Sie trat auf die Bühne. Die Scheinwerfer blendeten so stark, dass sie die Gesichter der Mitschüler nur als verschwommene Masse wahrnahm. Sie warf das Haar zurück, nahm das Mikrofon und begann zu singen. Ihre Stimme – die typische, leicht rauchige Luna-Stimme – füllte den Raum.
Die Masse flippte aus. Vorne in der zweiten Reihe sah sie Lara, die wild mit den Armen ruderte und mitsang. Oh Gott, dachte Mila, während sie den ersten Refrain ablieferte, sie sieht mich an. Sie starrte mich an.
Mila spürte eine Panikwelle aufsteigen. Was, wenn sie sich bewegte? Ihre Art zu gehen, zu gestikulieren? Das war alles Mila. Sie versuchte, ihre Bewegungen so „popstar-mäßig“ wie möglich zu machen, was in ihren Augen wohl hieß, sich wie eine etwas zu enthusiastische Roboter-Tänzerin zu bewegen.
In einer kurzen instrumental-Pause, in der sie sich kurz vom Mikrofon wegdrehte, vibrierte ihr Handy erneut. Bzzzz. Es war ein Anruf. Diesmal stand auf dem Display: „Lara (Beste Freundin)“. Das Handy leuchtete in ihrer Tasche, als wäre es ein Leuchtturm in der Dunkelheit. Jeder im Umkreis von drei Metern hätte es sehen können, wenn das Licht nicht so hell wäre. Mila drehte sich panisch weg, tat so, als würde sie „den Vibe spüren“, und tippte blind unter ihrem hautengen Bühnenkostüm auf den „Ablehnen“-Knopf.
„Hey Berlin!“, rief sie in die Menge, ihre Stimme zitterte leicht. „Seid ihr bereit für den nächsten Song?“ „JAAAAAA!“, schrien sie.
Lara, die direkt vor ihr stand, hielt inne. Sie legte den Kopf schief. Mila sah, wie Lara die Stirn runzelte. Lara beobachtete sie. Die Art, wie Mila (als Luna) gerade den Kopf schief legte, war exakt das, was Mila immer machte, wenn sie nervös war.
Beweg dich, Mila!, schrie ihre innere Stimme. Sei cooler! Sei eine Diva!
Mila fing an, sich wild auf der Bühne zu drehen, so schnell, dass ihr fast schwindelig wurde. Sie sah aus, als würde sie einen epileptischen Anfall bekommen, aber das Publikum hielt es für eine extrem künstlerische Performance. Lara zuckte mit den Schultern und sang weiter mit, doch ihr Blick blieb skeptisch an der Bühne kleben. Sie war ihr schon immer zu nah gewesen, um sie nicht irgendwann zu durchschauen.
Mila sang den nächsten Ton, während sie in Gedanken schon ihren Auszug plante: Durch den Hinterausgang, ab in das Auto von Papa, Perücke runter, Hoodie an, und dann in zehn Minuten als ‚verspätete‘ Schülerin wieder in der Turnhalle auftauchen. Das Doppelleben war ein Hochseilakt ohne Netz. Und heute war der Wind besonders stark.
Lara fixierte die Bühne, und in ihrem Blick lag ein Ausdruck, der Mila das Blut in den Adern gefrieren ließ: eine Mischung aus Staunen und plötzlicher, analytischer Skepsis. Mila wusste, dass sie ihre Rolle als Luna übertrieben hatte – die vertraute Geste, die Lara nur zu gut kannte, war ihr im Eifer des Gefechts herausgerutscht.
In einer Sekunde der absoluten Panik begriff Mila, dass sie den Fokus sofort von sich ablenken musste, bevor Lara Eins und Eins zusammenzählte. Sie riss das Mikrofon vom Ständer, vollführte eine drastische, für Luna typische, fast schon aggressive Tanzbewegung und legte eine übertriebene, arrogante Mimik auf, die Mila in ihrem ganzen Leben nie im Spiegel geübt hatte.
Die Taktik ging auf. Lara blinzelte irritiert, als Luna plötzlich den Kopf in den Nacken warf und mit einer künstlichen, fast schneidenden Lache in die Menge starrte, die so gar nichts mit Milas schüchternem Wesen zu tun hatte. Der Schock über das vermeintlich “hochnäsige” Verhalten des Superstars überlagerte Laras Verdachtsmomente augenblicklich.
Mila nutzte diesen kurzen Moment der Verwirrung. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf die Performance, verlor sich in den Beats und ließ ihre Stimme noch eine Nuance tiefer und rauchiger klingen, um jede Ähnlichkeit mit ihrer eigenen Sprechstimme zu eliminieren. Sie war jetzt nicht mehr Mila; sie war ein unnahbares Kunstprodukt aus Licht und Sound. Das Konzert endete mit einem gewaltigen Knall aus Konfetti und Pyrotechnik, der die Turnhalle in ein gleißendes Weiß tauchte. In diesem Chaos aus Licht und Lärm, als die Menge kollektiv den Verstand verlor, war es für Mila ein Leichtes, sich wie ein Geist hinter die schwarze Mollton-Abschirmung zurückzuziehen.
Hinter der Bühne verwandelte sich Mila in Millisekunden in eine manische Ausbrecherin. Die blonde Perücke landete in einer Sporttasche, die Sonnenbrille verschwand, und sie schlüpfte mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit aus dem hautengen Glitzer-Overall in ihren normalen, etwas zu weiten Schul-Hoodie, den sie unter einem Stapel Kabel deponiert hatte.
Kaum eine Minute später rannte sie mit zerzausten Haaren und einem vor Anstrengung geröteten Gesicht durch den Haupteingang in die Turnhalle zurück, als käme sie gerade erst von außerhalb des Schulgeländes angerannt. Sie atmete schwer, keuchte etwas, um den Eindruck von “gerade erst angekommen” zu unterstreichen.
Lara stand noch immer in der Menge und suchte die Bühne ab, als sie Mila sah. Ihre Augen verengten sich. “Mila? Wo warst du denn? Du hast das komplette Konzert verpasst! Luna war gerade noch hier, es war völlig irre!”, rief sie, doch in ihrer Stimme schwang ein unterdrückter Unterton von Misstrauen mit.
Mila schnappte nach Luft und tat so, als müsse sie sich kurz stützen. “Frag nicht! Die Sekretärin hat mich nicht reingelassen, weil ich den Schlüssel nicht hatte, und dann musste ich den Umweg über den Hinterhof nehmen”, sprudelte es aus ihr heraus, während sie eine perfekt ausformulierte Ausrede aus dem Ärmel schüttelte.
Lara betrachtete sie kurz, ihre Augen suchten nach einer Lüge in Milas Gesicht, doch die Erschöpfung, die Mila schauspielerte, wirkte absolut echt. Schließlich zuckte Lara die Achseln und verdrehte genervt die Augen. “Du hast echt das Pech gepachtet, Mila. Wirklich. Du hast das absolut Beste verpasst.” Mila lächelte nur und atmete innerlich zum ersten Mal wieder tief durch; der Sturm war vorerst vorüber.
Kapitel 4
Die Melodie der verlorenen Zeit
Das Studio roch nach einer Mischung aus Ozon, abgestandenem Kaffee und teurem Parfüm. Es war drei Uhr morgens, und die Glaswand zum Regieraum wirkte wie ein Portal in eine andere Dimension. Auf der anderen Seite saß ihr Vater, starrte auf die Pegelanzeigen, während Mila – nein, Luna – vor dem Mikrofon stand.
Das Licht war gedimmt, nur ein blauer LED-Streifen durchschnitt die Dunkelheit. Mila nahm ein tiefes Einatmen. Dieser Song war anders. Er war nicht für die Charts geschrieben, er war kein synthetisches Produkt, das auf TikTok viral gehen sollte. Er war für sie. Für den Moment, in dem sie auf der Schulbank saß und Jonas dabei beobachtete, wie er lachte – nicht mit ihr, sondern mit Sophie aus der Parallelklasse.
„Du hast dich für die Mitte entschieden, für den sicheren Weg, während ich nur ein Kapitel war, das du schnell umgeblättert hast“, murmelte sie in das Mikrofon. Die Zeilen flossen wie Tinte auf weißes Papier. Es ging um den Jungen, der sie verlassen hatte, weil er „mehr Raum brauchte“, um drei Wochen später mit einer anderen Händchen haltend durch das Treppenhaus zu laufen.
Mila schloss die Augen. Als sie zu singen begann, verschwand die Pop-Diva Luna. Die Stimme wurde rau, fast brüchig, ganz anders als die perfekt produzierten Auto-Tune-Hooks, die sonst ihren Erfolg ausmachten. Es war echtes Herzblut, das da in die Aufnahme-Software floss. Sie fühlte den Schmerz von damals noch immer – dieses stechende Gefühl im Magen, das sie jedes Mal einholte, wenn sie Jonas im Flur des Goethe-Gymnasiums traf.
Der nächste Morgen fühlte sich an wie ein Kater, obwohl sie nur mit Wasser angestoßen hatte. Der Kontrast war brutal. Die glamouröse Welt des Studios wich dem grauen, nebligen Novembermorgen in Berlin-Mitte. Mila saß in der U-Bahn, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, die Augenränder mit Concealer überdeckt, und versuchte, sich die Vokabeln für Französisch einzuprägen. Ihr Kopf dröhnte vom Schlafmangel, aber ihr Herz schlug im Takt der Melodie, die sie in der Nacht aufgenommen hatte.
In der Schule war der Alltag ein zäher Kampf gegen den Schlaf. Während der Mathestunde, als der Lehrer die Kurvendiskussion an die Tafel warf, schrieb Mila unter dem Tisch ihre Hausaufgaben für Geschichte – flink getippt auf dem Smartphone, während sie gleichzeitig eine E-Mail an ihren Produzenten schickte, in der sie die Bridge des neuen Songs anpassen ließ.
„Mila? Könntest du das bitte vorlesen?“, riss sie die Stimme von Herrn Krüger aus ihren Gedanken. Sie blinzelte, starrte auf ihr Notizbuch, das wie durch ein Wunder genau die richtige Seite aufgeschlagen hatte, und murmelte die Antwort. Sie war gut im Improvisieren. Das war ihre größte Stärke.
Am Nachmittag, als die Glocke endlich das Ende des Schultags verkündete, änderte sich die Atmosphäre. Das „Popstar-Ich“ blieb im Rucksack versteckt. Mila traf sich mit Lara und ein paar Leuten aus der Stufe im Park nahe der Spree. Es war kalt, die Luft roch nach feuchtem Laub und dem nahenden Winter. Jemand holte ein paar Bierdosen aus dem Rucksack, das metallische Zischen des Öffnens klang in der Stille des Parks.
„Ich sage es euch, er hat mich angesehen“, sagte Lara und starrte verträumt auf die andere Seite des Weges, wo Jonas gerade mit seinen Freunden Fußball spielte.
Mila nahm einen Schluck aus der Dose, das herbe, kühle Bier brannte angenehm im Hals. Sie beobachtete Jonas. Er lachte – dasselbe Lachen, das sie in ihrer nächtlichen Session so akribisch in Noten gefasst hatte. Sie spürte einen kurzen Stich der Wehmut, aber dann, als er sie kurz ansah und nur kurz nickte, wie man einem Schulkameraden grüßt, war es vorbei.
„Er ist ein Idiot, Lara“, sagte Mila trocken und lehnte sich zurück, während sie ihre Füße im Laub vergrub. Sie wusste Dinge über das Leben, über Erfolge, über Trennungen und über den Preis der Aufmerksamkeit, die ihre Freunde hier im Park niemals ahnen würden. In diesem Moment, in der Kälte des Berliner Spätherbstes, war sie einfach nur Mila. Eine Schülerin, die zu wenig geschlafen hatte, die ein Bier im Park trank und die in ihrer Jackentasche eine geheime Melodie trug, die die Welt vielleicht nie in ihrer rohen Form hören würde – aber die sie genau in diesem Moment befreite.
Kapitel 5
Illusionen und andere Katastrophen
Das „DeJa Vu Museum“ in Berlin-Mitte war das, was man heute wohl einen „Instagram-Hotspot“ nannte. Überall gab es Spiegel, kippende Räume und optische Täuschungen, die einem das Gefühl gaben, man sei auf einem schlechten Trip.
„Herr Krüger, ehrlich jetzt“, jammerte Kevin aus der hintersten Reihe, während er versuchte, ein Selfie zu machen, auf dem es so aussah, als würde er an der Decke laufen. „Was hat das hier mit unserem Leben zu tun? Warum sind wir hier? Wir haben in zwei Wochen Bio-Klausur!“
Herr Krüger, der sichtlich stolz auf seinen pädagogischen Ausflug war, rückte seine Brille zurecht. „Es geht um Wahrnehmung, Kevin! Um das Hinterfragen der Realität. Was ist echt, was ist Inszenierung? Ein essentielles Thema für das Erwachsenwerden.“
Mila lehnte an einem Spiegel, der ihren Oberkörper in einer unnatürlichen Kurve bog. Wenn der wüsste, dachte sie und unterdrückte ein müdes Lächeln. Sie hatte heute Nacht kaum geschlafen, weil sie die Vocal-Takes für den neuen Song im Kopf durchgegangen war, und nun fühlte sie sich selbst wie eine optische Täuschung: eine Schülerin, die eigentlich eine Pop-Ikone war, die versucht, in einer Welt aus Schülern zu existieren, die sich über den Sinn eines Museumsbesuchs stritten.
Plötzlich ging ein Raunen durch den Raum, das so abrupt und intensiv war, dass sogar Kevin sein Handy sinken ließ. Am anderen Ende des Raumes, zwischen einer Installation aus hängenden Regenschirmen und einem verzerrten Spiegeltunnel, stand ein Mann. Er trug ein dunkles Sakko, hatte ein markantes Grinsen, diese spezifischen Tattoos an den Armen und bewegte sich mit einer Art lässiger Arroganz, die sofort den ganzen Raum einnahm.
„Das ist doch nicht wahr“, hauchte Lara und krallte sich in Milas Arm. „Mila. Guck mal. Ist das… ist das nicht Robbie Williams?“
Die ganze Klasse erstarrte. Die Frage „Warum sind wir hier?“ war vergessen. Die Schüler fingen an zu tuscheln, aufgeregt und ungläubig. Ein Mädchen aus der Parallelklasse zückte ihr Handy, die Finger zitterten so sehr, dass sie kaum das Display entsperren konnte. Mila blinzelte. Das gibt’s nicht. Er sah tatsächlich exakt so aus. Die Haare, der Ausdruck, die ganze Aura. Als Popstar wusste Mila, wie man sich bewegt, wie man den Raum scannt, und der Mann dort drüben scannte den Raum wie ein Profi. Sie spürte eine professionelle Anerkennung – er spielte die Rolle perfekt.
„Er ist es wirklich!“, rief plötzlich jemand. „Er ist undercover in Berlin!“
Die Situation eskalierte in Sekunden. Die Schüler ließen ihre Rucksäcke fallen und strömten auf den „Superstar“ zu wie eine Herde aufgescheuchter Pinguine. „Robbie! Robbie! Ein Foto! Nur ein Selfie!“, schrien sie.
Der Mann wirkte plötzlich überfordert. Er hob abwehrend die Hände, genau wie Robbie es in den Paparazzi-Videos tun würde. Er wollte etwas sagen, doch das Gekreische war zu laut. Mila stand am Rand und beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Mitleid und Amüsement. Sie sah, wie der „Superstar“ hektisch nach links und rechts schaute, dann sein Handy aus der Tasche zog, um – ironischerweise – ein foto von ihnen zu machen.
„Leute!“, rief der Mann plötzlich, und seine Stimme klang… irgendwie nach Neukölln. „Leute, kommt mal runter! Ich bin’s, Kevin! Kevin Müller! Ich bin Robbie-Imitator für Hochzeiten und Betriebsfeiern! Ich wollte doch nur das Museum besichtigen!“
Stille. Die ganze Klasse hielt inne. Die Handys waren noch immer auf ihn gerichtet, aber die Begeisterung wich purer Verwirrung.
„Kevin?“, fragte Lara enttäuscht.
„Ja, Kevin!“, sagte der Mann und strich sich die Haare zurecht. „Ich habe heute Abend einen Auftritt bei einer Geburtstagsparty in Spandau und wollte mich mal ein bisschen in die Rolle reinversetzen. Aber das hier ist echt stressig, ganz ehrlich. Wie haltet ihr das aus?“
Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging schnellen Schrittes Richtung Ausgang, wobei er vor sich hin murmelte: „Einmal wollte ich inkognito sein, und dann lande ich in einem Ausflug vom Goethe-Gymnasium.“
Mila musste so laut lachen, dass sie sich den Bauch halten musste. Herr Krüger stand daneben, hatte seinen pädagogischen Zeigefinger noch in der Luft und sah aus, als hätte er gerade einen Kurzschluss.
„Siehst du, Kevin?“, sagte Mila, während sie sich die Tränen aus den Augen wischte und auf den enttäuschten Kevin aus ihrer eigenen Klasse deutete. „Das ist das Thema heute: Wahrnehmung und Inszenierung. Manche sind echt, manche sind Kevin, und manche sind einfach nur müde Schülerin.“
Kevin Müller ist kein echter Prominenter, sondern ein professioneller Robbie-Williams-Imitator (ein sogenannter „Tribute-Artist“). Er verdient seinen Lebensunterhalt damit, bei Hochzeiten, Betriebsfeiern oder Geburtstagen als der berühmte Sänger aufzutreten. Er war im DeJa Vu Museum, weil er sich für einen Auftritt an diesem Abend in Spandau in seine Rolle hineinversetzen und trainieren wollte. Die Verwechslung entstand lediglich dadurch, dass er dem echten Robbie Williams täuschend ähnlich sieht und offensichtlich sehr gut darin ist, dessen Mimik und Gestik zu kopieren. Er war genauso überrascht von der plötzlichen Fangemeinde wie die Schüler selbst.
Kapitel 6
Zwischen den Zeilen
Das Display meines Handys leuchtete hell auf, als ich mich im kleinen Vorraum der Schultoilette versteckte. Drei neue E-Mails von meinem Management, zwei Dutzend Instagram-Mentions, aber das Wichtigste war der Kommentar unter dem neuesten Snippet meines kommenden Songs „Schatten von Gestern“.
„Wer auch immer dieser Junge ist, er muss das Herz eines Weltstars gebrochen haben. Die Lyrics sind so verdammt ehrlich…“
Ich biss mir auf die Unterlippe. Das Problem war nicht, dass die Leute den Song mochten. Das Problem war, dass ich wusste, wie sehr die Zeilen ins Schwarze trafen. Ich hatte sie nachts um drei Uhr im Studio geschrieben, während ich mich an unseren gemeinsamen Sommer in Berlin erinnerte – an das Eis an der Spree, an das alte Fahrrad, dessen Kette immer absprang, an die Art, wie Jonas mich ansah, bevor er sich entschied, dass seine neue Freundin doch besser zu seinem Lifestyle passte.
Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken. „Mila? Bist du da drin? Wir haben gleich Chemie“, rief Laras Stimme durch das dünne Holz.
„Bin gleich da!“, rief ich zurück, steckte mein Handy hastig in die Schultasche und atmete tief durch. Fassade aufsetzen. Maske tragen. Ich bin nur die Kunstschülerin, die Probleme mit der Zellatmung hat, nicht das Pop-Phänomen, das gerade die Charts dominierte.
Als ich aus der Toilette trat, kam mir Jonas auf dem Flur entgegen. Er trug seinen grauen Hoodie, den er immer trug, und sah aus, als hätte er die letzte Nacht mit Zocken verbracht. Mein Herz mache diesen einen, unnötigen Aussetzer – ein Reflex, den ich seit Monaten versuchte, mir abzugewöhnen.
Er sah mich nicht sofort an, er starrte auf sein eigenes Handy, während er mit seinem Kumpel Marco sprach. „… echt krass“, hörte ich ihn sagen. „Der neue Track von Luna. Hast du die zweite Strophe gehört? Das mit dem alten Fahrrad? Das klingt fast so, als hätte sie jemanden wie mich gemeint.“
Marco lachte. „Träum weiter, Alter. Luna ist ein Weltstar, die kennt Typen wie uns nicht mal vom Hörensagen.“
Jonas blieb stehen, als er mich sah. Mein Atem stockte. Er wirkte plötzlich nachdenklich. „Hey, Mila“, sagte er und schob seine Hände in die Taschen. „Sag mal, hörst du eigentlich Luna? Du stehst doch auf so Pop-Kram, oder?“
Ich spürte, wie mir die Hitze in den Nacken stieg. „Äh, manchmal. Warum?“
Jonas zeigte mir sein Handy-Display. Da war mein Gesicht – mein Luna-Gesicht, mit dem aufwendigen Make-up und den hellen Haaren. „Ich weiß nicht. Der neue Song… irgendwie erinnert er mich an früher. An den Sommer, bevor alles… du weißt schon.“
Er machte eine vage Geste zwischen uns. Er bezog es auf uns. Auf die Zeit, bevor er Schluss gemacht hatte.
„Vielleicht ist es nur ein Song, Jonas“, sagte ich und versuchte, meine Stimme so gelangweilt wie möglich klingen zu lassen, während mein Inneres schrie. „Künstler schreiben eben über das, was sie kennen.“
Jonas sah mir direkt in die Augen. Ein Blick, der so intensiv war, dass ich mich am liebsten in meinem Spind versteckt hätte. „Vielleicht. Oder vielleicht hat sie jemanden verloren, den sie nie verlieren wollte.“
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er drehte sich um und ging Richtung Chemiesaal. Ich stand einen Moment lang wie festgewurzelt da. Mein Handy vibrierte erneut in meiner Tasche – eine Push-Benachrichtigung von meinem Vater: „Der Produzent will die Bridge für den Song heute Abend finalisieren. Sei pünktlich im Studio.“
Ich hatte zwei Leben, die aufeinanderprallten, und zum ersten Mal fühlte es sich an, als würde die Realität in der Schule gefährlicher werden als jeder Auftritt vor tausenden Fans.
Kapitel 7
Die gläserne Tarnung
Der Biologieunterricht war eine einzige Qual. Mein Kopf dröhnte. Ich starrte auf mein Arbeitsblatt zur Zellatmung, doch meine Gedanken waren bei Jonas und der Art, wie er mich angesehen hatte. Ich wippte nervös mit dem Fuß, als plötzlich eine Stimme hinter mir meine Konzentration zerriss.
„Hey, Mila, ist das echt?“, fragte Sophie, eine Mitschülerin, die zwar nicht zu meinen engsten Freunden gehörte, aber als glühender Luna-Fan bekannt war. Sie tippte mir auf den Unterarm.
Ich fuhr zusammen. Sophie deutete auf mein Handgelenk. Dort trug ich das zierliche Silberarmband mit dem kleinen, asymmetrischen Sternanhänger – ein Geschenk meines Vaters, das ich in meiner Eile vergessen hatte abzulegen.
„Was?“, fragte ich, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
„Das Armband!“, flüsterte Sophie aufgeregt. „Luna trägt das in ihrem neuen Musikvideo-Teaser, der vor einer Stunde online ging. Das ist genau das gleiche Design, dieser Stern… voll das limitierte Teil, oder?“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Der Teaser war erst heute Morgen veröffentlicht worden. „Ach, das?“, ich lachte so natürlich, wie ich es vor der Kamera als Luna gelernt hatte, obwohl ich innerlich fast kollabierte. „Ein billiger Nachbau. Gibt’s an jedem Kiosk am Alex. Luna hat sicher das Original.“
Sophie schien kurz zu überlegen, zückte dann aber ihr Handy. „Warte, ich mach mal ein Foto zum Vergleich.“
„Nicht!“, rief ich etwas zu laut. Herr Krüger sah von der Tafel auf. „Ist alles in Ordnung, Fräulein Berger?“
„Ja, Entschuldigung, Herr Krüger. Nur… eine Spinne“, log ich schnell. Sophie steckte ihr Handy weg, aber ich sah, wie sie bereits tippte. Der Schaden war vermutlich schon angerichtet.
Zwei Stunden später. Studio 4. Die Luft hier war stickig und roch nach abgestandenem Kaffee und Technik. Mein Vater saß am Mischpult, die Augen auf den Bildschirm fixiert. „Noch mal, Mila. Die Bridge. Sie muss härter klingen, mehr… Schmerz. Die Leute wollen den Trennungsschmerz spüren.“
Ich stand hinter dem Mikrofon, die Kopfhörer drückten auf meine Ohren. „Nein, Papa. Wir ändern den Text.“
Mein Vater drehte sich langsam um. „Wie bitte?“
„Die Zeile mit dem ‚verlassenen Treffpunkt am U-Bahnhof Warschauer Straße‘. Die muss raus. Sie ist zu spezifisch. Jonas hat das gehört und er fängt an, eins und eins zusammenzuzählen“, sagte ich und spürte, wie meine Hände zitterten. „Wenn jemand ein Foto von mir in der Schule macht und dann diese Lyrics hört… die Punkte verbinden sich, Papa. Es ist zu gefährlich.“
Mein Vater schnaubte. „Du bist ein Star, Mila. Stars haben Geheimnisse, das macht sie interessant! Wir ändern nichts. Der Song ist perfekt, er klettert gerade in den Viral-Charts. Das ist Gold wert.“
„Es ist mein Leben!“, schrie ich, und die Stimme des echten Popstars brach zum ersten Mal durch meine professionelle Maske. „Wenn er es herausfindet, kann ich mich nicht mehr verstecken. Ich will nicht, dass er Luna liebt, weil er denkt, sie ist wie ich – ich will, dass er mich sieht, wie ich bin!“
Mein Vater starrte mich an, zum ersten Mal wirkte er nicht wie mein Manager, sondern wie mein Vater. Er öffnete den Mund, um zu antworten, doch in diesem Moment vibrierte mein Handy auf dem Studiotisch ununterbrochen.
Ich nahm es in die Hand. Es war eine Push-Benachrichtigung von Twitter. Sophie hatte ihr Foto gepostet. „Hey @LunaOfficial, sag mal, ist das meine Klassenkameradin Mila, die dein Armband trägt? #Copycat #MilaLuna?“
Unter dem Post sammelten sich bereits die ersten Kommentare. Mein Vater las mit, sein Gesicht wurde blass. „Wir haben ein Problem“, murmelte er.
„Ich weiß“, sagte ich, während mein Puls ins Unermessliche stieg. „Und ich werde den Text jetzt ändern. Nicht für die Charts. Sondern um die Spur zu verwischen.“
Kapitel 8
Die Luna-Fan-Offensive
Ich wusste, dass ich ein Risiko einging, als ich heute Morgen mit einer kleinen Plastiktüte voller billiger Armbänder das Goethe-Gymnasium betrat. Der Plan war simpel, wenn auch leicht absurd: Ich würde nicht versuchen, die Ähnlichkeit zu leugnen – ich würde sie so lächerlich machen, dass niemand mehr auf die Idee käme, ich sei das Original.
Kaum hatte ich meinen Spind geöffnet, kam Sophie um die Ecke geschossen, das Handy schon im Anschlag. „Mila! Ich hab’s auf Twitter gepostet! Hast du gesehen, wie viele Leute kommentiert haben?!“
Ich drehte mich um, setzte mein absolut überzeugendstes „Superfan“-Gesicht auf – weit aufgerissen, ein bisschen zu viel Enthusiasmus, genau die Art von Fan-Girl, die nachts zu Luna-Songs weint. „Sophie! Oh mein Gott, ja! Ist das nicht krank?“, rief ich und hielt ihr mein Handgelenk direkt unter die Nase. „Ich bin so besessen von dem neuen Look, ich habe mir gestern im ‘Bijou-Discount’ direkt fünf Stück davon geholt! Ich meine, schau dir das an, es ist zwar billiger Plastik, aber hey, für 3,99 Euro fühlt man sich kurz wie ein Popstar, oder?“
Sophie starrte auf das Armband, dann auf mein Gesicht. Die Skepsis in ihren Augen verflog langsam, ersetzt durch eine Mischung aus Mitleid und Begeisterung. „Echt jetzt? Du hast fünf Stück gekauft?“
„Ich sagte doch, ich bin besessen!“, ich kicherte und zog ein weiteres Exemplar aus meiner Tasche. „Hier, willst du eins? Wir können Partner-Look machen. Luna-Squad und so.“
Sophie strahlte. „Voll cool! Danke, Mila!“
In diesem Moment schlenderte Jonas vorbei. Er blieb kurz stehen, schaute auf die Armbänder in meiner Hand und dann zu mir. „Mila? Verkaufst du jetzt Schmuck?“
Ich lachte, ein bisschen zu hell, vielleicht. „Klar, Jonas! Wenn man es sich nicht leisten kann, wie Luna zu sein, muss man eben wie eine verrückte Fangirl-Version von ihr herumlaufen. Es ist mein neues Hobby!“
Jonas schmunzelte, schüttelte den Kopf und ging weiter. „Du bist echt schräg, Berger.“
Ich atmete tief durch, als er außer Hörweite war. Das war knapp. Mein Vater würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich mein eigenes Merchandise als „Billig-Schrott“ verkaufte, aber es funktionierte. Niemand würde jemals vermuten, dass das Mädchen, das ihre Armbänder auf dem Schulflur für ein paar Euro verschenkte, gerade Millionen auf dem Bankkonto hatte.
Ich war sicher. Zumindest für heute.
Das Armband, das im Mittelpunkt von Milas „Luna“-Identität steht, ist ein filigranes Accessoire mit deutlichem Wiedererkennungswert: * Design: Es handelt sich um ein feingliedriges, silberfarbenes Kettchen. * Charms: Das zentrale Element sind zwei auffällige Stern-Anhänger. Im „Luna“-Modus strahlt das Armband ein helles, blau-weißes Leuchten aus, das den Bereich um das Handgelenk in ein magisches Licht taucht. Dieses Leuchten macht es zu einem echten Hingucker und unterstreicht die Popstar-Persona, die Mila anstrebt. Es ist genau dieses markante Schmuckstück, das Mila in ihrer Geschichte als „günstiges Fan-Merch“ tarnt, um bei ihren Mitschülern den Verdacht zu zerstreuen, sie sei das echte Pop-Idol.
Kapitel 9
Die ultimative Luna-Challenge
Ich dachte, ich hätte den Kopf aus der Schlinge gezogen, doch ich hatte die Rechnung ohne Nele gemacht. Nele, eine Mitschülerin aus der Parallelklasse, war bekannt dafür, jeden einzelnen Songtext von Luna rückwärts singen zu können. Und sie hatte mein „Fangirl-Outing“ genau beobachtet.
„Hey, Mila!“, rief sie am nächsten Morgen, als ich gerade mein Spind öffnete. Sie knallte eine große, selbstgebastelte Luna-Collage gegen die Spindtür neben mir. „Ich hab gehört, du bist auch ein riesiger Luna-Fan? Endlich mal jemand, der nicht nur die Radio-Hits kennt!“
Ich erstarrte. Verdammt. „Ja, total“, sagte ich und versuchte, so harmlos wie möglich zu klingen. „Aber eigentlich… ich bin eher so eine Gelegenheits-Hörerin. Ich mag die Musik einfach.“
Nele lachte, ein schriller, etwas unheimlicher Ton. „Gelegenheits-Hörerin? Erzähl das jemand anderem. Ich hab gesehen, wie du von dem Armband geschwärmt hast. Komm, lass uns heute in der Mittagspause eine ‚Luna-Challenge‘ machen. Wer mehr Insider-Fakten über Luna weiß, gewinnt.“
„Ich… äh, ich muss heute Mittag Mathe lernen“, stammelte ich.
„Mathe kann warten!“, winkte Nele ab. „Es geht um die Ehre. Oder hast du etwa Schiss, dass du doch nicht so ein Riesenfan bist, wie du behauptet hast?“
Jonas, der gerade vorbeilief, blieb stehen und grinste mich an. „Na los, Mila. Zeig ihr, wie viel Ahnung du hast. Du hast doch gestern so geschwärmt.“
Ich wollte im Boden versinken. Ich stand in der Mitte des Flurs, umringt von Neugierigen, und mein eigener „Crush“ Jonas feuerte mich auch noch an. „Okay“, sagte ich gepresst. „Mittagspause. In der Cafeteria.“
Die Mittagspause fühlte sich an wie ein Verhör. Nele hatte sich bewaffnet: mit einem Smartphone voller Screenshot-Archiven und einer Liste von Fragen, die mich ins Schwitzen brachten.
„Erste Runde“, begann Nele triumphierend. „Wie hieß Lunas erste Band, bevor sie solo ging? Und in welcher Stadt war ihr erster öffentlicher Auftritt?“
Ich spürte, wie mir der Schweiß auf der Stirn ausbrach. Das wusste ich natürlich – ich war es ja gewesen! Aber ich durfte es nicht zu schnell sagen. Ich tat so, als müsste ich tief nachdenken, kratzte mir am Kopf und murmelte: „Oh Gott, war das nicht… diese Garagenband aus… München? Oder war es Hamburg? Ich glaube, Hamburg. Und der Auftritt… war das nicht dieses kleine Festival im Hafen?“
Nele leuchtete auf. „Falsch! Es war Berlin, Kreuzberg. Aber der erste Teil war richtig. Punkt für mich.“
Puh. Gut so. Ich musste absichtlich Fehler einbauen, ohne komplett inkompetent zu wirken.
„Okay, nächste Frage“, Nele beugte sich vor. „Was ist Lunas absolutes Lieblings-Essen vor einem Auftritt? Und welches Gadget hat sie immer in ihrer Tasche?“
Ich wollte gerade „Sushi und ein Glücksbringer-Armband“ sagen, als ich mich bremste. Das war zu offensichtlich. „Sushi? Nein, viel zu klischeehaft“, sagte ich und biss in mein Sandwich. „Ich wette, sie ist total langweilig und isst einfach nur Pizza. Und das Gadget… wahrscheinlich ein altes Notizbuch für ihre Songideen.“
Nele sah mich enttäuscht an. „Pizza? Ehrlich? Luna ist so viel spezieller als das.“
Ich lächelte innerlich. Ich hatte die Runde verloren, aber ich hatte mein Geheimnis bewahrt. „Vielleicht habe ich mich geirrt“, sagte ich schuldbewusst. „Ich bin wohl doch nicht so ein Experte wie du, Nele.“
Doch dann passierte es: Nele holte ein Foto aus ihrer Tasche. Es war ein Schnappschuss, den jemand backstage bei einem meiner Auftritte gemacht hatte – man sah nur meinen Ellbogen und einen Teil meines Outfits. „Schau mal“, flüsterte sie geheimnisvoll. „Ich hab da eine Theorie. Das Armband auf diesem Foto… es sieht exakt so aus wie deins. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man das Tattoo am Handgelenk…“
Mir blieb das Herz stehen. Ich hatte vergessen, dass ich auf diesem speziellen Foto mein temporäres Tattoo nicht richtig abgedeckt hatte.
Kapitel 10
Dies ist eine sehr schwierige und ernste Wendung. Um diese Situation zu entschärfen,
muss Mila ihre "Fangirl-Maske" fallen lassen. Indem sie etwas so Tiefgreifendes und Schmerzhaftes
von sich preisgibt, lenkt sie den Verdacht nicht nur ab – sie zerstört ihn, weil niemand eine
solche Geschichte erfinden würde, nur um sich als Popstar zu tarnen.
Wenn Du die nächsten Kapitel 10 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 11
Das ist eine spannende Konstellation. Milas Lüge (oder ihre manipulierte Wahrheit) schlägt jetzt Wellen,
die sie nicht kontrollieren kann – weder emotional bei Jonas noch professionell bei ihrem Vater.
Wenn Du die nächsten Kapitel 11 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 12
Wenn Du die nächsten Kapitel 12 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 13
Hier folgt das nächste Kapitel, das die aufkommende Panik am Flughafen mit der glanzvollen, aber riskanten Kulisse von Ibiza verbindet.
Wenn Du die nächsten Kapitel 13 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 14
Mila spielt ihr bisher gewagtestes Spiel.
Wenn Du die nächsten Kapitel 14 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 15
Ein entscheidender Wendepunkt in Milas Leben beginnt. In Kapitel 14 beginnt ihre Fassade zu bröckeln. Wie lange geht ihr Spiel mit dem
Doppelleben noch gut?
Wenn Du die nächsten Kapitel 15 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 16
Die Ironie ist kaum zu ertragen, und Milas Eifersucht kocht über.
Wenn Du die nächsten Kapitel 16 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 17
Dramatische Wendung. Die Ironie, dass Mila glaubt, sie hätte die Kontrolle, während Jonas längst
alle Fäden in der Hand hält, bietet eine großartige Spannung.
Wenn Du die nächsten Kapitel 17 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 18
Die Spannung löst sich in Erleichterung auf, und das Vertrauensverhältnis zwischen Mila und Jonas
bekommt eine völlig neue Tiefe.
Wenn Du die nächsten Kapitel 18 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 19
Intim und befreiend.
Wenn Du die nächsten Kapitel 19 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 20
Mila ist kein Opfer, das gerettet werden muss – sie ist eine Künstlerin, die ihre Identität zurückerobern will.
Wenn Du die nächsten Kapitel 20 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 21
Der Moment der Erkenntnis bei Jonas trifft genau auf den Moment der höchsten Gefahr.
Das zwingt Mila und Jonas dazu, ihre neue Dynamik sofort auf die Probe zu stellen.
Wenn Du die nächsten Kapitel 21 lesen willst, weil Du Mila und Luna magst, kannst du das Buch gern erwerben.
Kapitel 22
Wenn Du das letzte Kapitel 22 des ersten Bands der Mila | Luna Serie lesen willst, weil die junge Frau inzwischen magst, kannst du das Buch gern erwerben und dich auf den 2. Band freuen.
ENDE